Better Sex Through Mindfulness •
Achtsamkeit in der Sexualität

von Franziska Ziegler, 24. Juni 2021

Jede Erfahrung ist verkörpert – Von der Theologie zur Sexologie

Es ist höchste Zeit, über ein neues Thema zu schreiben und meinen Blog wieder zu beleben. Diejenigen, die mich besser kennen, wissen, dass ich mir anfang Zwanzig neben Theologie und Pädagogischer Psychologie ebenso gut Biologie als Studienfach hätte vorstellen können. Mich interessiert seit meiner Jugend der Mensch als ganzheitliches Wesen, das seine geistigen, psychischen und sozialen Erfahrungen in und mit seinem Körper macht. Als ich mich vor zwei Jahren entschieden habe, nochmals zu studieren und mich nun mit voller Begeisterung in die Sexualtherapie und -wissenschaft vertiefe, hat einer meiner Freunde lachend bemerkt: «Wow, von der Theologin zur Sexologin – Wie bringst du das denn zusammen?» Für mich war das eigentlich nie eine Frage oder ein Widerspruch. Vielmehr entdecke ich enge Verbindungen zwischen Spiritualität, Achtsamkeit und Sich-Verbunden-Fühlen mit dem sinnlichen, erotischen Erleben des Körpers und der lebendigen Gestaltung von Beziehungen.
Alles, was wir erleben, ist doch irgendwie verkörpert, jede Emotion, jeder Gedanke findet eine Ausdrucksweise in unserem Körper. Umgekehrt sind Übungen mit dem Körper, welche die Atmung verstärken und über die Bewegung zu einer besseren Durchblutung führen, wie zum Beispiel beim Tanzen, verbunden mit geistigen Prozessen: Empfinden und Wahrnehmen von Kribbeln, Wärme, des Herzschlags und Blutflusses lösen Gefühle und innere Bilder aus, beeinflussen das Denken. Psycholog*innen reden in diesem Zusammenhang von Embodiment (Maja Storch et al., 2011).
Unseren Körper wahrnehmen zu können, ist uns allerdings nicht einfach in die Wiege gelegt worden. Ich selbst erlebte in verschiedenen Kursen zur Achtsamkeit, in Tantra-Persönlichkeitsseminaren und beim Tanzen, dass Wahrnehmung erlernt und verfeinert werden kann und dass diese Fähigkeit einen ganz entscheidenden Einfluss auf meine Lebendigkeit hat.
Die achtsame Wahrnehmung von Körperempfindungen und die Zusammenhänge zum genussvollen Erleben der Sexualität faszinieren mich so sehr, dass ich im Rahmen meines Studiums dazu meine wissenschaftliche Arbeit geschrieben habe. Ich vertiefte mich also in unzählige Studien aus den Neurowissenschaften, der Physiologie und Anatomie, der Körperpsychotherapie, des Embodiment und natürlich der Sexologie. Dabei erlebte ich eindrücklich, wie sich der von Csíkszentmihályi beschrieben Flow anfühlt. Gerne teile ich hier einige meiner Erkenntnisse.

Better Sex Through Mindfulness

So lautet der Titel eines äusserst spannenden Buches der kanadischen Sexualwissenschafterin Lori Brotto. Sie beschreibt, dass die Hälfte der Frauen im Verlauf ihres Lebens über längere Zeit von sexueller Lustlosigkeit betroffen ist. Könnte dieses tiefe Begehren etwas mit ihrer Fähigkeit zur Wahrnehmung ihrer sexuellen Erregung zu tun haben? Zahlreiche Studien beschreiben nämlich, dass Frauen ihre sexuelle Erregung weniger gut wahrnehmen als Männer. Bei der Wahrnehmung der sexuellen Erregung gibt es offensichtlich einen Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Wahrnehmung ist lernbar. Frauen – berührt und erforscht euch!

Jungen stellen schon sehr früh in ihrem Leben über zahlreiche Berührungen beim Pinkeln, Spielen und bei der Selbstbefriedigung einen Bezug zu ihrem Geschlecht her. Dies ermöglicht ihnen die Wahrnhemung von sensorischen und auch visuellen Reizen, die bei ständiger Wiederholung zu starken Nervenverbindungen führt. Werden die Reize im Gehirn zusätzlich mit lustvollen Gefühlen verbunden, hat das einen grossen positiven Einfluss auf das Erleben ihrer Sexualität. Der Junge lernt, seine Erregung wahrzunehmen und seinen Penis entsprechend zu erotisieren. Bei vielen Mädchen geschieht dieser Lernprozess nicht automatisch, ihr Geschlecht ist verborgener, nach innen gerichtet und für das «Begreifen» weniger zugänglich. So haben zahlreiche Frauen ihren vaginalen Innenraum kaum erforscht und beschreiben dann in der Therapie, dass sie «dort unten» nichts spüren, ihre Vagina sich taub anfühle.
Ein kleiner biologischer Unterschied kann also einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die sexuelle Biografie eines Menschen haben.

Take Aways

Um die Frauen in der Beratung gut begleiten zu können, wollte ich herausfinden, was bei sexueller Erregung auf der physiologischen Ebene im Geschlecht genau passiert und wie Frauen ihr Geschlecht besser wahrnehmen können. Was hilft, die Vagina besser zu spüren und dadurch die Sexualität lustvoller zu erleben?

  • Es ist wichtig, dass Nervenzellen die ihnen entsprechenden Reize erfahren. Nervenzellen in der Vagina reagieren mehrheitlich auf Druck, Dehnung und Temperatur und nicht auf Reibung. Eine Vagina braucht folglich eine andere Art von Berührung, um wahrgenommen zu werden als eine Klitoris.
  • Manche Nervenzellen – vor allem diejenigen für die Wahrnehmung von Inneren körperlichen Prozessen – brauchen Zeit. Langsame Berührungen und Bewegungen unterstützen die Wahrnehmungsfähigkeit.
  • Entspannte Muskeln fördern die Durchblutung und diese wiederum unterstützt die feine sensorische Wahrnehmung.
  • Ein weiterer ganz entscheidender Faktor ist die Atmung. Durch sie können wir sogar auf unser autonomes Nervensystem einwirken.

Wer es genauer wissen und meine Arbeit als Ganzes lesen möchte, schreibt mir eine Email und bekommt von mir das pdf zugesendet.
 
Vielleicht hast du beim Lesen selbst Lust bekommen, deine Wahrnehmung, deinen Bezug zum Körper und deine Sexualität neu zu erforschen und selbstbewusst zu gestalten. Dann gönne dir eine Begleitung! Ich lade dich ein in meine liebevoll eingerichtete neue Praxis an der Paulstrasse 5, direkt beim Bahnhof Winterthur.

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