
Erigo ergo sum •
Er steht, also bin ich
von Franziska Ziegler · 3. Juni 2024
«Mir zieht es den Boden unter den Füssen weg und führt zunehmend zu Problemen in der Partnerschaft. Ich bin noch jung und verliere bereits jetzt teilweise vor oder spätestens bei der Penetration die Erektion. Ist das normal? Was kann ich tun?»
Die Erektion ist für den Mann eine Art Identitätsausweis und für sein Selbstverständnis als Mann essenziell. Sie ist Voraussetzung für den Geschlechtsverkehr und die Fortpflanzung. Seit frühester Kindheit kommen Jungen mit ihrem Penis und den verschiedenen Gefühlen, die bei seiner Erektion auftreten, in Berührung.
Sich sexuell selbstsicher und erotisch kompetent zu fühlen, basiert auf einer sicheren Beziehung zu den eigenen Genitalien. Lernschritte in dieser Richtung werden gesellschaftlich wenig unterstützt.
Wenn Männer mit diesem Problem zu mir in die Praxis kommen, ist verständlicherweise ein grosser Leidensdruck und eine tiefe Verunsicherung im Raum. Erektionsstörungen werden als Bedrohung erlebt, und meistens zeigt sich das Problem in der Paarsexualität, nicht aber im Solosex. Das lässt sich einfach erklären: Im Solosex gibt es keinen Leistungsdruck und keine Versagensangst.
Wie häufig sind Erektionsstörungen?
Etwa 20 Prozent aller Männer sind irgendwann in ihrem Leben mit dem Problem der Erektilen Dysfunktion (ED) konfrontiert.
Eine Studie aus dem Jahr 2000 mit rund 4500 Männern aus Deutschland zeigt die Häufigkeit nach Alter:

Wie funktioniert die Erektion und wie entsteht das Problem?
Eine Erektion kann nicht willentlich herbeigeführt werden, denn sie ist ein Reflexgeschehen. Durch den Erregungsreflex strömt arterielles Blut in die Schwellkörper des Penis, gleichzeitig verengen sich die Venen, so dass weniger Blut abfliessen kann, die Blutkonzentration im Penis steigt an und der Penis wird steif. Bei intakter Anatomie und Physiologie wird dieser Reflex durch sensorische und emotionale Erregungsquellen ausgelöst. Er ist mit dem Niesen vergleichbar. So kann beispielsweise ein Blick in die Sonne den Niesreflex auslösen.
Mögliche Erregungsquellen:
- Körperberührungen
- Bilder und Filme
- Fantasien und innere Bilder
- Intensive Gefühle (Aufregung, Angst)
- Töne (z.B. lustvolles Stöhnen)
- Gerüche (Duftpheromone)
- Geschmäcker
Erregungsquellen sind also begünstigende Faktoren. Je mehr Erregungsquellen einem Mann zur Verfügung stehen, desto besser kann er seine Erektion unterstützen.
Es gibt aber auch hemmende Faktoren auf verschiedenen Ebenen, die den Reflex bremsen: Gefässprobleme, Diabetes, Medikamente, hohe Beckenbodenspannung, präzise Stimulationsmuster, Gedanken (Mindfuck), sexuelle Verunsicherung und ein abwertendes Selbstbild, Leistungsdruck und Versagensangst, Beziehungsstress.

Es ist wichtig zu wissen, dass sich die Erektion ab einem Alter von 40 bis 50 Jahren auf natürliche Weise zu verändern beginnt. Sie setzt langsamer ein, wird weniger hart, schwankt und lässt schneller nach.
Recht schnell kann aus einem ursprünglich harmlosen Erektionskiller eine Verunsicherung und ein Teufelskreis entstehen, der sich wie ein Perpetuum mobile von selbst antreibt.

Was passiert in der Sexualtherapie?
Strategien, um aus dem Teufelskreis auszusteigen, sind sehr individuell und erfordern Übung. Das Erreichen einer stabilen und befriedigenden Erektion ist daher ein längerfristiges Projekt, bei dem es auch um die Entwicklung erotischer Fähigkeiten als Liebhaber geht, die weit über die Erektion hinaus reichen.
Wir arbeiten an einem oder mehreren der folgenden Themen:
- Verstehen der individuellen Logik der Entstehung der Erektionsstörung
- Erweiterung der sexuellen Erregungsquellen und der Stimulationsmuster
- Entwickeln von neuen Bewegungsmustern bei der Penetration
- Vertiefung des Selbst- und Körperbezugs
- Stärkung der sexuellen Selbstsicherheit
- Emotionsregulation und Beruhigung des Stress-Systems in sexuellen Situationen
- Gestalten einer erotischen Kultur in der Beziehung
Quellen:
Bischof, K., Bischof-Campbell, A., & Fuchs, S. (2022). ZISS Ausbildung in Sexocorporel. Lehrheft Modul 5. Zürcher Institut für klinische Sexologie & Sexualtherapie (Unveröffentlichte Seminarunterlagen)
Braun, Moritz & Wassmer, Gernot & Klotz, Theodor & Reifenrath, B & Mathers, Michael & Engelmann, U. (2001). Epidemiology of erectile dysfunction: Results of the 'Cologne Male Survey'. International journal of impotence research. 12. 305-11. 10.1038/sj.ijir.3900622.
Sztenc, M. (2020) Klappt's? Vom Leistungssex zum Liebesspiel – ein Übungsbuch für Männer. Stuttgart: S. Hirzel Verlag.