
Women on Fire ·
Wechseljahre und Sexualität
von Franziska Ziegler · 15. September 2023
Seit mehreren Jahren treffe ich mich regelmässig mit zwei Freundinnen zum Essen und beobachte dabei amüsiert, wie sich unsere Gesprächsthemen unserem Alter entsprechend anpassen. In letzter Zeit nun dominieren die Wechseljahre. Wir sind Women on Fire.
Und ich frage mich, wie es sein kann, dass die Hälfte der Gesellschaft zwischen ihrem 45. und 55. Lebensjahr von zahlreichen mehr oder weniger starken körperlichen, psychischen und sozialen Herausforderungen betroffen ist und nach wie vor recht wenig Wissen und Unterstützung kriegt. Warum sind Fachpersonen, gute Beratungsstellen und wissenschaftlich fundierte Bücher zu den Wechseljahren an einer Hand abzählbar? Und warum werden die Menopause und Sexualität im Alter sogar im Sexologiestudium marginalisiert besprochen? Wieso gibt es gewisse bereits gut erforschte Hormonprodukte nur Off-Label oder erst im Ausland? Diese soziologischen Fragen werde ich hier nicht beantworten, man könnte wohl eine Dissertation dazu schreiben.
Mein Anliegen ist die sexuelle Bildung und mich interessiert, wie die Menopause aus sexologischer Sicht das Erleben der Sexualität von Frauen beeinflusst und was diese unterstützend unternehmen können.
Das Thema meines heutigen Blogartikels ist sehr umfangreich, ich erhebe also überhaupt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und freue mich über ergänzende Ideen und Tipps aus der Leser*innenschaft. Lasst uns Erfahrungen und Wissen teilen, denn Wissen rund um die Menopause scheint laut einer spanischen Studie (Cornellana MJ, et al. Climacteric 2017) mit über 3000 Frauen die Sexualität positiv zu beeinflussen.
Wechseljahre und Sexualität
Körperliche Veränderungen
Zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr nehmen der Progesteron-, der Östrogen- und der Testosteronspiegel ab. Dieser Rückgang wirkt auf das weibliche Gehirn und kann sich in verschiedenen Symptomen wie Hitzewallungen, Müdigkeit, emotionale Labilität, Gelenkschmerzen, Herzrasen und Libidoverlust äussern. Nicht alle Frauen leiden gleichermassen unter diesen Symptomen und das Empfinden ist sehr individuell. Laut der Menopause-Gesellschaft Deutschland erleben acht von zehn Frauen in den Wechseljahren Beschwerden und für ein Drittel ist die Lebensqualität in dieser Zeit stark eingeschränkt.
Einige physiologische Veränderungen können auch die Sexualität von Frauen beeinflussen:
- Unregelmässige Menstruation: Frauen sind sich seit Beginn ihrer ersten Menstruation an Ebbe und Flut gewohnt. In der Perimenopause, also der Zeit vor der hormonellen Umstellung, reagieren die Hormone übertrieben und wirken auf den Körper der Frau nicht mehr wie zuverlässige Gezeiten, sondern vielmehr wie ein Tsunami. Die Menstruation wird unregelmässig, Zyklen dauern länger oder kürzer, sind heftiger oder weniger heftig. Frauen verlieren dadurch an körperlicher Sicherheit. Der Tampon wird zum ständigen Begleiter.
- Veränderung des pH-Werts der Vagina: Östrogen sorgt für ein saures Milieu in der Vagina, welches durch Milchsäurebakterien aufrechterhalten wird. Sinkt das Östrogen, verschwinden diese Milchsäurebakterien, der pH-Wert steigt und die Vaginalflora gerät aus dem Gleichgewicht. Die Vagina wie auch Harnleiter und Blase werden verstärkt anfällig für Infekte.
- Vaginale Trockenheit, Ausdünnen der Vaginalschleimhaut und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr: Gemäss der Gynäkologin Sheila de Liz wird die Vagina bei gut 80% der Frauen durch den fehlenden Östrogeneinfluss trockener und die Aktivität der Drüsen, die beim Geschlechtsverkehr für ausreichend Flüssigkeit sorgen, lässt nach. Zudem wird die Wand der Vagina dünner, die Vulvalippen können sich zurückbilden und die Erregbarkeit im Bereich des gesamten äusseren Genitales, insbesondere der Klitoris, nimmt bei vielen Frauen ab. Diese Veränderungen können bei manchen Frauen zu Brennen, Jucken und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führen.
- Nachlassen der Libido: Lässt die Aktivität der Eierstöcke nach, kann auch der Testosteronspiegel immer weiter zurückgehen. Einige Frauen erleben dadurch einen Libidoverlust. Laut einer Studie (2008) mit 1800 europäischen Frauen im Alter zwischen 50 und 60 Jahren verspüren 34% der Frauen ein vermindertes sexuelles Verlangen, während die Hälfte (53%) der Frauen feststellte, dass ihr Interesse am Sex nachliess, obwohl die Mehrheit der Stichprobe angab, Sex immer noch als wichtigen Teil der Partnerschaft zu erleben.
Psychologische Aspekte
Aufgrund der Schmerzen beim Geschlechtsverkehr vermeiden Frauen sexuelle Kontakte und kriegen Probleme, ihre*n Geliebte*n, zu berühren. Dies kann zu einem Teufelskreis der Unlust führen: Nicht-lustvoll erlebte Sexualität führt zu Nicht-Lust auf Sex und zu erneutem Vermeidungsverhalten.
Zudem sind Frauen wie Männer in der Lebensmitte herausgefordert, sich mit dem alternden Körper und der Veränderung des Körperbildes anzufreunden. Wie können die meist fülligeren Körperformen erneut erotisiert werden? Wie können Menschen sich in ihrem reiferen Körper erotisch zu Hause fühlen und ausdrücken? Wie ihre Bedürfnisse nach Nähe und Sexualität leben?
Wandel als Chance für sexuelle Wünsche
Weil der Östrogenspiegel zurückgeht, machen sich Frauen vermehrt grundsätzliche Gedanken über ihre Lebenssituation und Mängel in ihren Partnerschaften kommen deutlicher zum Vorschein. Sie sind nun eher bereit, ihre Bedürfnisse auch in ihrem Liebesspiel einzufordern. Frauen sehen klarer, was ihnen wirklich wichtig ist und stellen Weichen für die zweite Lebenshälfte. Es bietet sich an, diesen Wandel nicht als Verlust von Weiblichkeit zu interpretieren, sondern als wertvolle biografische Zeit der Erneuerung, als Zeit für energiegeladene Selbstfürsorge zu sehen.
Gute Nachrichten
Beginnen wir damit, denn es gibt gute Nachrichten! Auf der körperlichen Ebene lassen sich einige Symptome gut behandeln.
Vulvalippen lieben die tägliche Pflege mit einer fetthaltigen Crème wie zum Beispiel Yoni-Bliss von Quittenduft oder ein wertvolles Rosen- beziehungsweise Mandelöl.
Vaginas brauchen ab der Lebensmitte eine spezielle Aufmerksamkeit: Sie mögen das Waschen mit purem Wasser und verabscheuen Seife, weil diese den sauren pH-Wert ungünstig beeinflusst.
Gegen die oben beschriebene vaginale Atrophie (Gewebeschwund) gibt es verschiedene Salben wie zum Beispiel Multi-Gyn Actigel gegen Infektionen oder östriolhaltige Cremes und Zäpfchen, die täglich oder ein- bis zweimal pro Woche im Bereich der Vagina und der Vulva einführt beziehungsweise aufgetragen werden. Weil die Hormondosis dabei sehr gering ist und praktisch nur vor Ort (Vagina, Vulvalippen, Harnröhre, Blase) wirkt, ist mit keinem nennenswerten Effekt auf den Gesamtkörper zu rechnen. In diesem Zusammenhang sehr interessant ist das Hormon DHEA, welches eine Vorstufe sowohl für männliche wie weibliche Sexualhormone ist und in der Vagina zu Östrogen und Testosteron umgewandelt wird. Obwohl die endokrinologische Forschung sehr viele Fortschritte gemacht hat und man heute im Unterschied zu den 80er und 90er-Jahre sehr viel mehr Erfahrung und Wissen hat, geistern immer noch veraltete Mythen und Ängste in den Köpfen vieler Menschen herum. Dr. med. Sheila de Liz beschreibt in ihrem Buch «Women on fire» sehr eingängig die wichtigsten Zusammenhänge. Dieses Buch ist ein Must Read zum Thema.
Als Sexologin möchte ich nun einige weitere wertvolle Anregungen mitgeben:
- Beziehen Sie Ihren Partner, Ihre Partnerin in Ihren Veränderungsprozess mit ein. Äussern Sie, was Ihnen guttut beziehungsweise nicht guttut. Reden Sie über Ihre Bedürfnisse. Eine lustvoll erlebte Sexualität steigert Ihr sexuelles Begehren.
- Entdecken Sie unterschiedliche Erregungsquellen (Berührungen, Szenarien, Düfte, Pornos, Fantasien, Toys etc.) und verlängern Sie das Vorspiel. Dies führt dazu, dass Ihre Vagina mehr Feuchtigkeit produziert und das lustvolle Gefühl entsteht, etwas in sie aufnehmen zu wollen. Ihre Vagina wird in diesem Moment länger und weiter (man spricht von «Tenting», weil unterhalb des Muttermundes eine Art Zelt entsteht).
- Pflegen Sie Ihre Solosexualität und bewegen Sie dabei Ihren ganzen Körper. Dies verringert die Trockenheit Ihrer Vagina. (Hillman, J., Sexuality and Aging, 2012)
- Sehen Sie das Älterwerden als Chance, Ihre Sexualität neu zu erleben. Entdecken Sie dabei die Langsamkeit, die nach innen gerichtete Körperwahrnehmung und das entspannte Loslassen. «Die Fähigkeit, besonders genussvolle Sexualität zu erleben, entwickelt sich im Verlaufe des Lebens. Die Wahrscheinlichkeit, diese Art von Sexualität zu erleben, erhöht sich in fortgeschrittenem Alter.» (Ziegler, F., 2022)
- Fokussieren Sie nicht so sehr auf ihre Körperformen, die Sie im Spiegel sehen, sondern spüren Sie vielleicht mit geschlossenen Augen, welche Berührungen sich gut und lustvoll anfühlen. Tauchen Sie ein in den Genuss von warmen, weichen Körperrundungen.
- Nicht so einfach, jedoch … versuchen Sie hinderliche Glaubenssätze loszulassen und geben Sie sich dem hin, was sich gut anfühlt, mag es noch so ausgefallen, abenteuerlich wild oder zart sein.
- Unterstützen Sie ihre Weiblichkeit mit Kleidern, die ihrem Körper schmeicheln. Falls Sie Mühe haben mit Ihrem Körpergewicht, treiben Sie zwei bis dreimal pro Woche Sport und verringern Sie die Energieaufnahme um 400 Kalorien pro Tag.
- Tauschen Sie sich mit Ihren Freund*innen über gute Bücher, wertvolle Adressen und Angebote für Women on Fire aus.
Und zum Schluss noch dies …
Sexuelle Bildung ist ein Menschenrecht und umfassend im schulischen Lehrplan verankert. Geburtsvorbereitungskurse sind heute selbstverständlich, bei der Menopause hinken wir leider hinterher. Wünschenswert wären ganzheitliche Angebote für Frauen und ihre Liebhaber*innen, in denen sie als körperliche, mentale, emotionale und soziale Wesen ernstgenommen und umfassend informiert werden.